Projektbericht: Aufbau eines Archivs zur Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien
Periode Juni 2004 - Februar 2005
Tschetschenien ist Schauplatz eines nun schon fast zehn Jahre andauernden Konfliktes. Während all dieser Zeit haben engagierte Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten immer wieder ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um begangenes Unrecht auf Foto und Video zu dokumentieren.
Eine dieser Personen ist die tschetschenische Menschenrechtlerin Zainap Gaschajewa, eine langjährige Partnerin der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Seit Beginn des ersten Tschetschenienkrieges dokumentiert sie Menschenrechtsverletzungen, interviewt Opfer und gibt mit ihren Bildern einen Einblick in Situation und Geschehnisse in Tschetschenien. über die Zeit drängte sich die Notwendigkeit auf, dieses Privatarchiv aus der Region heraus an einen sicheren Ort zu bringen, zu systematisieren und zu analysieren. Zu diesem Zwecke initiierte die GfbV das Projekt "Aufbau eines Archivs zur Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien". Das Material wird von uns mit dem Kernziel bearbeitet, dass es eines Tages als Beweismaterial bei der Durchsetzung internationalen Rechts (Europäischer Menschenrechtsgerichtshof) eingesetzt werden kann.
Mit der finanziellen Unterstützung des Vereins "Szenewaechsel" konnte seit Juni 2004 die Umsetzung der folgenden Teilschritte des Projekts ermöglicht werden:
Materialtransfer
Ende Juni 2004 reiste eine Delegation der GfbV nach Nazran/Inguschetien. Unter anderem hatte die Reise zum Ziel, einen weiteren Teil des Archiv-Materials aus der Region herauszuholen und in die Schweiz zu transportieren. Im Sommer führten dann eine Reihe von dramatischen Ereignissen, allen voran die Geiselnahme von Beslan, zu einer Verzögerung des weiteren Materialtransfers. Das Reisen in die Nordkaukasusregion wurde für Ausländer zunehmend zu einem unzumutbaren Risiko. Die zeitweilige Entspannung gegen das Jahresende hin war leider nur von kurzer Dauer, denn mit der Ermordung des ehemaligen tschetschenischen Präsidenten und Separatistenführers Maschadow vergangene Woche steht nun das Chaos erneut vor der Tür.Technische Bearbeitung und Lagerung
Seit letztem Sommer ist die GfbV daran, das Bildmaterial technisch zu bearbeiten. In einem ersten Schritt wurden die Videobänder aufgrund der starken Verschmutzung und Beschädigung einer gründlichen Untersuchung unterzogen, um abzuklären, welche Reinigungsmethode angewandt werden kann, ohne die Qualität der Bänder weiter zu beeinträchtigen. Wie das Ergebnis zeigte, hatten sich über die Jahre der Lagerung in Erdlöchern und feuchten Gemäuern eine ganze Palette von Pilzarten und anderen Mikropartikeln in den Windungen des Bildträgers festgesetzt. Ein Experte für Film- und Audio-Technologien fertigte daraufhin ein speziell für unsere Zwecke konzipiertes VHS-Reinigungsgerät an, mit welchem zumindest die gröbste Verschmutzung entfernt und teilweise auch eine Verbesserung der Bildqualität bewirkt werden kann. Diese Reinigungsphase ist mittlerweile abgeschlossen. Das Videomaterial wird nun Schritt für Schritt auf DVD überspielt, eine äusserst aufwändige Prozedur, da aufgrund der teilweise starken Beschädigung der Bänder häufig die übertragung abbricht und deshalb der ganze Aufnahmeprozess ständig beaufsichtigt werden muss. Eine wichtige Aufgabe bestand auch darin, einen geeigneten Ort zur mittelfristigen Lagerung des Archivmaterials zu finden. Diesbezüglich konnte in Kooperation mit einem externen Partner glücklicherweise eine sehr zufriedenstellende Lösung gefunden werden. Sowohl die Originalkassetten wie auch die überspielten DVD sind nun seit Dezember an einem sicheren Ort aufbewahrt.Abklärungen hinsichtlich der juristischen Verwendung des Materials
Der Inhalt der Videobänder wird hauptsächlich in Zusammenarbeit mit der Filmerin selbst analysiert. Personen und Lokalitäten werden identifiziert sowie Ereignisse zeitlich eingeordnet und beschrieben. Einige der Aufnahmen stellen in erster Linie kulturelle Zeugnisse dar und dienen damit der Unterstützung des historischen Gedächtnisses. Die Mehrzahl der Aufnahmen stehen jedoch in Relation zu einem Ereignis, durch welches zivile Opfer zu Schaden gekommen sind. Ziel des Archivprojekts ist es, diese Zeugnisse Institutionen zur Verfügung zu stellen, welche sich für die juristische Ahndung von Menschenrechtsverletzungen einsetzen. Vor diesem Hintergrund stattete die GfbV Ende Februar dieses Jahres der niederländischen Organisation "Russian Justice Initiative” (ehemals "Chechnya Justice Initiative”) in deren Büro in Moskau einen Besuch ab. Die "Russian Justice Initiative" ist neben der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial praktisch die einzige Organisation, welche darauf spezialisiert ist, Einzelfälle von Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien juristisch aufzuarbeiten und für die Einreichung am Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Strassbourg vorzubereiten. Die Organisation äusserte Interesse an der Verwendung des Materials und wird auch bei der Vernetzung mit weiteren Organisationen, welche in einem ähnlichen Gebiet tätig sind, mithelfen.Vorschau
Die Tschetschenin Zainap Gaschajewa und ihre Dokumentararbeit sind ausserdem Gegenstand eines im Laufe des letzten Jahres entstandenen Dokumentarfilms des Schweizer Regisseurs Eric Bergkraut. Der Film mit dem Namen "Coca – the dove from Chechnya" hatte Mitte Februar 2005 an der Berlinale Premiere und wird unter anderem auch in der Schweiz gastieren, und zwar am Internationalen Filmfestival in Nyon, welches Mitte April stattfinden wird.